Repetitorium Grundkurs Musik WS 2005/2006

Grundlagen europäischer Musikkultur
Personen: fett - Hörbeispiele unterstrichen - wichtige Begriffe in " "


27.09.2005
Arbeitsmittel: "dtv-Atlas zur Musik", "Riemann-Musiklexikon" (RieL), "die Musik in Geschichte und Gegenwart" (MGG), "wikipedia".
Der europäische Musikbegriff als umfassende Weltsicht: Athanasius Kircher (1601 - 1680) "Musurgia universalis" (1650) - Universalgelehrter des Barock, "musica", Pythagoras und die Schmiede, Physiologie des Ohres und der Stimme, Vogelstimmen, Musikphilologie, harmonische Systeme, Stimmungssysteme und Tastaturmodelle, mechanische Musik, MIDI-System, Gebäude-Akustik, Kircher als Jesuit: Kirche und Naturwissenschaft; antike Musiktheorie: Pythagoras (582 - ~496 v.Chr.), Einflüsse, Legenden, Bedeutung der Zahl, Begründung der Wissenschaft, Zahl und Ton, Zahl und Intervall, Verhältnis von Saitenlänge und Tonhöhe; Weiterführung durch Platon (427 - 347 v.Chr.); das pythagoräische System: Obertonreihe, Quintenkette, gebrochene Quintenkette

04.10.2005
Phänomene der Schallausbreitung: Schwingungsknoten und -bäuche, Gegenschall, lineare und logarithmische Verläufe in der Hörwahrnehmung, Addition von Intervallen durch Multiplikation der Proportionen, das "pythagoräische Komma", Probleme der Darstellung in der Antike, Ausgleich in der Temperierten Stimmung; Ableitung von "Pentatonik", "Diatonik", "Chromatik" und "Enharmonik" aus der Quintenkette, Begründung der verschiedenen Vorzeichnungen; der antike "mousiké"-Begriff: Apoll, Dionysos, die Musen; Vereinigung dieser Gegensätze seit dem Mittelalter; die pythagoräische "Tetraktys", Musik und Architektur; neues Interesse für Reinstimmung in der Neuen Musik: Mamoru Fujieda (* 1955) "Patterns of Plants"; das Monochord, Guido von Arezzo (~992 - ~1050) und die Erfindung des Fünfliniensystems für die musikalische Notation, Möglichkeiten der Reinstimmung ("Just-Intonation")

11.10.2005
Der Ausdrucksgehalt von Pentatonik, Diatonik, Chromatik und Enharmonik; Intervalle am Monochord, umgekehrte Proportionalität von Saitenlänge und Frequenz, Tetraktys und Oktavteilung, das pythagoräische Komma als Streckenverhältnis; Perotinus Magnus (~1200) "Viderunt omnes", Anonymität der Musikschaffenden; Hugo von St. Victor (~1100) "de musica triplici": "musica mundana" ("Sphärenmusik" der Pythagoräer, meterosonics), "musica humana" (medizinische und psychologische Aspekte, vier Elemente, Säftelehre, Temperamentenlehre, Tugendlehre), "musica instrumentalis" (untergeordnete Stellung der praktizierten Musik)

18.10.2005
"Musica" als Bestandteil des "Quadriviums" der "Septem Artes Liberales" des Mittelalters; Übertragung des antiken Musikbegriffs auf Mittelalter und Renaissance: Heiliger Augustinus (354 - 430) "De musica"; Erweiterung der "dreifachen Musik" um die "musica coelestis", die Heilige Caecilia; Christianisierung und Zivilisation, Klöster als Bildungszentren, Selbstverständnis des Mönchtums nach Benedikt von Nursia, Rhythmisierung des Alltags, Stundengebete, Liturgie und Gesänge; Papst Gregor der Große (Amtszeit 590 - 604): Vereinheitlichung der kirchlichen Gesänge in Europa; der "gregorianische Choral", Antiphon "Hosanna Filio David"; Einstimmigkeit, Aufführungspraxis, "Cheironomie", "Neumen", Schreibschulen, Entstehung eines musikalischen Raumbewusstseins; Wurzeln der europäischen Musikgeschichte; Neubelebung des Chorals im 20. Jahrhundert;

08.11.2005
Ensemble Organum "Chants de l'église milanaise - Offertorium"; Tonmaterial des gregorianischen Chorals, "Guidonische Hand", Johannes-Hymnus und "Solmisation"; das System der mittelalterlichen Kirchentonarten, Unterschiede zu den altgriechischen Skalen, authentische und plagale Formen, Charakteristika der Modi; der Choral als Wurzel für die Entstehung der Mehrstimmigkeit: das Organum der Notre-Dame-Epoche, Perotinus Magnus "Sederunt principes", Dehnung des Choralausschnitts (später "cantus firmus"), zusätzliche Stimmen als Ornamente, rhythmische Codierung, Textverständlichkeit und musikalischer Sinn, die geistige Haltung des mittelalterlichen schöpferischen Menschen

15.11.2005
Choral: Modusbestimmung, Modalität in Jazz, Neuer Musik und indischer Musik ("Raga"), Vielfalt der seelischen Grundformen: "Es sind vornehmlich acht Affekte, die die Musik ausdrücken kann. Der erste ist der der Liebe. Der zweite der der Trauer oder des Klagens. Der dritte der der Freude und des Jubels. Der vierte der des Zorns und der Entrüstung. Der fünfte der des Mitleids und der Tränen. Der sechste der der Angst und der Bedrängnis. Der siebte der der Dreistigkeit und des Wagemuts. Der achte der der Bewunderung. Auf diese lassen sich alle übrigen pathemata leicht zurückführen." (A. Kircher "Musurgia"); zur Technik des mittelalterlichen Organum; die katholische Messe als liturgische und musikalische Form, Bestandteile des "Ordinarium" und des "Proprium"; Guillaume de Machaut (~1300 - 1377) "Messe de Nostre Dame" - "Kyrie" (Streichquartettfassung des Kronos-Quartetts): Stimmbezeichnung, Besetzung, Harmonik, "Hoquetus", "Isorhythmie"; Wiederkehr dieser Verfahren in der zeitgenössischen Musik

22.11.2005
Exkurs: Polyphone Vokalmusik Georgiens (UNESCO-Weltkulturerbe) als bislang unbekannter Impuls für europäische Mehrstimmigkeit? Die Bewertung von "Konsonanz" und "Dissonanz" als kulturgeschichtliche Konstante; die vokale Polyphonie der Renaissance und ihre zunehmend differenzierte Darstellung in der "Mensuralnotation": Handschriften und Drucke, Stimmbuchnotation, Fehlen der "Partitur", Schlüsselung, Mensurzeichen; die Messe als zentrale Gattung, Cantus-firmus-Messen und Messen nach populären Liedern ("L'homme armé"), Guillaume Dufay (~1400 - 1474) "Kyrie" aus der "Missa 'l'homme armé'" (Hilliard-Ensemble), zur Aufführungspraxis: ausschließlich Männerstimmen (Knaben, Countertenöre, später Kastraten); Übersicht Renaissance-Komponisten, Generationen und typischer Lebensweg, "Niederländische Vokalpolyphonie"

29.11.2005
Jacob Obrecht (~1450 - 1505) "Missa 'Maria zart'" - "Kyrie" (Tallis-Scholars): Tempus-Systeme, Zahlensymbolik, Dreiteiligkeit des Kyrie; weltlicher Cantus firmus und "Parodie"; Bilddokumente: höfisches Leben im 15. Jahrhundert, "Le champion des dames" des Martin le Franc als kulturgeschichtliche Quelle ("Musen", Dufay-Bildnis), die Kathedrale von Cambrai als musikalisches Zentrum, Aufführungspraxis: singende Engel, Genter Altar des Jan van Eyck, die Sängergruppe des Johannes Ockeghem (~1420 - 1495), Musiktheoretiker: Franchinus Gaffurius und Gioseffo Zarlino, zur Entwicklung des Notendrucks: Ottaviano Petrucci in Venedig, Johannes Petrejus in Nürnberg, Pierre Attaingnant in Paris, Orlando di Lasso (1532 - 1594) und die Münchener Hofkapelle, Instrumentarium der Renaissance, Giovanni Pierluigi da Palestrina (~1525 - 1594) und die Rettung der mehrstimmigen Kirchenmusik beim Tridentiner Konzil

06.12.2005
Musikalische Gattungen des 15. und 16. Jahrhunderts: "Messe", "Motette" (geistlich, lateinischer Text), "Madrigal", "Chanson", "Lied" (weltlich, Texte in der Landessprache); Josquin Desprez (1440 - 1521) "Mille regretz": Tiefe des Affekt-Ausdrucks; die sechsstimmige Motette "Praeter Rerum Seriem" (The King's Singers): Professionalisierung des Gesangs, die englische Tradition des Ensemblegesangs, Martin Luther über Josquin; Orlando di Lasso Motette "Domine, Dominus Noster": homophone Tendenzen; Grundtypen des musikalischen Satzes: "Polyphonie", "Homophonie", "Unisono"; zum Phänomen des Stilwandels; Palestrinas "Missa Papae Marcelli" - "Kyrie": Bedeutung des "Palestrinastils", zur Ästhetik der Gegenreformation

10.01.2006
Die Musik Indiens in ihrer Beziehung zu den europäischen Epochen der Antike und des Mittelalters, Musikbegriff, Haltung des Musikers, Dionysos und Shiva; der Indologe Alain Daniélou, John Cage über das Verhältnis von Ost und West; zur Theorie der indischen Ragas; zum Verhältnis von Komposition und Improvisation; die indische Sitarikone Ravi Shankar (* 1920): zusammen mit Alla Rakha (1919 - 2000; Tabla); Aufbau und Spieltechnik der Sitar; Video "Ravi & Anouska Shankar live at the Union Chapel 2002": "Raga Rangeela Piloo"