II. Geschichte und Stil der "Rhapsody in Blue"

a. Eine Idee wird geboren

 Paul Whiteman, der über "Organisationstalent, Geschäftssinn, Einfallsreichtum und Geschick in der Pflege des Publikums und in der Führung seiner Musiker" verfügte, wollte an den gemeinsamen Erfolg der Scandals 1922 anknüpfen und schlug Gershwin vor, ein ausgeweitetes Konzertstück für ihn zu schreiben. Whiteman mit seiner 9-Mann-Band pflegte einen Musizierstil, den man gerne als Jazz bezeichnete, der aber Tanz und Unterhaltungsmusik war. Er war sogar ein Gegner des sogenannten "dissonanten" Jazz und ein Verfechter der geordneten Spiels nach Noten.

 Whitemans Anliegen jedoch war es, die volkstümliche Musik unter Anlehnung an den Jazz in den Bereich der ernsten, womöglich sinfonischen Musik zu übertragen. Er glaubte, dass George es schaffen würde, die Musik der amerikanischen Schwarzen und den Jazz auch in großen Formen zu bewältigen.

Das Stück sollte von der bisherigen Form von Songs und Musical-Comedies, die popular music, ausgeweitet und symphonisch gerahmt werden. Whiteman stellte sich vor, dass es sich außerdem so weit der klassischen Musik annähern sollte, dass es sich dem von ihm so genannten "Symphonischen Jazz" unterordnen ließe.

Gershwin wollte aber lieber bei seinen Songs bleiben, da er sich seinen theoretisch-handwerklichen Mängeln, die bei der Komposition eines solchen Werkes zutage treten würden, bewusst war. Er sträubte sich auch dagegen die Elemente des Jazz als äußere Zutat zu verwenden, weil er aus seinen Erfahrungen in Harlem von diesem Musikstil eine viel zu hohe Meinung hatte. Er wußte, dass Jazz durch die vitalen, improvisierenden Interpreten stand und fiel, und dass er in der Sprache und in der "Mundart" des Jazz kein "festes" Werk komponieren konnte.

Weil er aber über Whitemans Auftrag ständig nachdachte, kam ihm der Gedanke, den Ausdruck und nicht die technische Funktion des Jazz zu verarbeiten. 1933 schrieb er in einem großen Aufsatz einmal, was er vom Wert, der Bedeutung und der Ausdruckskraft des Jazz hielt: "Es ist schwer, zu bestimmen, welche bleibenden Werte der Jazz in ästhetischer Hinsicht hervor-gebracht hat, weil das Wort Jazz für mindestens fünf, sechs verschiedene Formen von Musik benutzt wird. Tatsächlich ist er ein Konglomerat vieler Dinge. Er besitzt ein wenig vom Ragtime, vom Blues, vom Klassizismus und von den Spirituals. Im Grunde ist er eine Rhythmusfrage ... Jazz ist Musik, er benutzt die gleichen Töne wie Bach. Wenn er von einer anderen Nation gespielt wird, nennt man ihn «amerikanisch' ... Jazz ist das Ergebnis der in Amerika aufgespeicherten Energie. Er ist eine sehr energische Musik, ungestüm, lärmend, ja sogar vulgär. Eins ist gewiß: Der Jazz hat dem Land Amerika einen bleibenden Wert beigesteuert, in dem Sinn nämlich, dass er uns selbst Ausdruck verliehen hat. Er ist eine original-amerikanische Leistung, die von Dauer sein wird, vielleicht nicht als Jazz, doch in dieser oder jener Form wird sie der künftigen Musik ihr Gepräge geben."
 
 

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