Franz Liszt

von

Johannes Fischer

(Juni 2001)
 
 

Inhaltsverzeichnis


Die Jugend (1811-1839)
Die Virtuosenjahre (1839-1847)
Liszt in Weimar und Rom (1847-1869)
Die letzten 17 Jahre (1869-1886)

 

Die Jugend (1811-1839)

Schon der Vater von Franz Liszt, Adam Liszt (*1776, †1827) hegte den Wunsch Berufsmusiker zu werden, nachdem er von einigen Musikern unterrichtet worden war und auch Talent hatte. Doch es war aus finanziellen Gründen nicht möglich, denn seinem Vater Georg Adam Liszt waren in drei Ehen 26 Kinder geboren worden. Es blieb also nicht viel Geld für ihn übrig. Die meisten Söhne von Georg Adam wurden Bauern, Adam Liszt wählte das Verwaltungsfach. Jedoch fühlte er sich weiterhin zur Musik hingezogen und ersparte sich ein Klavier.

Mit 34 Jahren heiratete er dann Maria Anna Laager, eine Österreicherin, die ebenfalls aus einer Familie mit vielen Kindern kam und in einfachsten Verhältnissen gelebt hatte.

Im Jahr 1811 sprach man von nichts Anderem als vom Krieg: Napoleon war im Niedergang und der Russlandfeldzug warf seine Schatten voraus. Am 22.10.1811 schließlich wurde Franciscus Liszt geboren, gerufen wurde er Franz. Sein Geburtsort war Raiding, wo hauptsächlich deutsch gesprochen wurde. Sein Vater beherrschte auch die ungarische Sprache, verwendete sie aber nur bedarfsweise. Also konnte Franz sie hier nicht erlernen, obwohl er mit großer Wahrscheinlichkeit ein echter Ungar war ("Liszt" kommt aus dem Ungarischen und bedeutet "Mehl"). Schon in den ersten Jahren kränkelte Liszt manchmal beängstigend und im dritten Lebensjahr wurde er sogar einmal für tot gehalten, so dass man einen Kindersarg anfertigte.

Schon mit vier bis fünf Jahren interessierte er sich sehr für Musik: Spielte sein Vater Klavier, wich er kaum von seiner Seite. Bald bestürmte er den ihn, ihm das Musizieren zu erklären. Der dachte, es sei noch zu früh, doch als Franz einmal ein Thema eines Klavierkonzertes lange, nachdem er es gehört hatte, tongetreu nachsang, gab er nach und begann ihn zu unterrichten. Sehr schnell konnte er die Notenschrift entziffern. Der bereits siebenjährige spielte mit großem Eifer und die Schule wurde erst einmal aufgeschoben. Da er zwischenzeitlich gesundheitlich sehr angeschlagen war, wollten ihn die Eltern sich lieber draußen austoben lassen und nicht mit zusätzlichem Lehrstoff belasten. Später holte er übrigens alles auf und stand den vielseitig gebildeten Persönlichkeiten in keiner Weise nach.

Als Adam Liszt mit seinem Sohn nach Wien reiste, um Franz auf sein Talent zu testen, ermunterte ihn der dortige Klaviermeister Carl Cerny, Liszt weiter zu fördern. Im Alter von neun Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt in Ödenburg. Ein gewisser Baron von Braun, Flötist, der noch vor seinem 20. Geburtstag starb, aber auch großes Talent hatte, erregte beim Publikum nicht mehr das ganz große Interesse. Deshalb wollte er es etwas steigern, indem er ein anderes Wunderkind mitwirken ließ. Das Publikum war sehr begeistert, genauso wie die Fürstin in Eisenstadt, der er bald darauf vorgeführt wurde. Sie schenkte ihm das "Stammbuch" von Haydn, ein Album, in dem er Unterschriften der großen Musiker gesammelt hatte. Es war für Liszt ein kostbares Geschenk, doch er verlor es bald.

Gefördert wurde er nun für anderthalb Jahre beim Kapellmeister Cerny in Wien. Nachdem Liszt einige weitere Konzerte gegeben hatte, wagte es der Vater, mit der Familie nach Paris überzusiedeln, wo Franz die Musikschule Conservatoire de Music besuchen sollte. Auf der Reise dorthin wurde er überall gefeiert. In Paris angekommen wurde ihm allerdings der Besuch der Musikschule verweigert, weil dies nur französische Schüler durften. Jedoch sollte es kein Nachteil werden, denn er kam auch ohne viel Hilfe vorwärts.

Mit zwölf Jahren wechselte er mit seinem Vater nach London, um sich auch dem dortigen Publikum vorzustellen. Leider musste er sich nun von seiner Mutter trennen, denn der Vater meinte, die vielen Reisen seien zu anstrengend für sie. Der Abschied fiel Franz sehr schwer.

Nach einigen Jahren, in denen sie viel herumgekommen waren, merkte Liszt, dass ihn auch die Kirche sehr interessierte und so gestand er eines Tages seinem Vater, dass er Priester werden wolle. Der war entsetzt und verbot ihm von nun an das Lesen von religiösen Büchern. Das konnte er aber nicht erreichen: Franz las diese jetzt immer in der Nacht, was seiner ohnehin schon angeschlagenen Gesundheit natürlich nicht förderlich war. Seinem Vater ging es ebenfalls nicht besonders gut, weshalb ein Londoner Arzt zu Ruhe und Seebädern riet.

Sie erholten sich erheblich. Als sie sich wieder voll bei Kräften glaubten, befiel den Vater ein gastrisches Fieber. Nach drei Tagen schweren Leidens starb Adam Liszt am 28.8.1827. Sein Sohn, der noch nicht 16 Jahre alt war, war zum ersten Mal in seinem Leben ganz auf sich selbst angewiesen.

Nachdem der Vater bestattet worden war und Liszt nach Paris zurückgekehrt war, waren ihm zwei Dinge am wichtigsten: er wollte seinen Erard-Flügel verkaufen, um die entstandenen hohen Kosten zu decken und seine Mutter sollte zu ihm nach Paris ziehen, wo er durch Klavierunterricht für den nötigen Unterhalt sorgen wollte. Ende September des Jahres trafen sie zusammen.

Auch um Schüler brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn sobald es sich herumsprach, dass er Unterricht gab, häuften sich die Anmeldungen aus vornehmen Häusern. So erlebte er auch seine erste Liebe: unter seinen Schülern befand sich nämlich die etwa gleichaltrige Gräfin Caroline de Saint-Cricq, Tochter des französischen Innenministers. Sie war schön und harmonierte in allen Idealen mit ihrem Musiklehrer. Ihre Mutter, die dem Unterricht meistens beiwohnte, hatte die Zuneigung der beiden bemerkt. Als sie krank wurde, bat sie ihren Mann, den sich Liebenden nichts in den Weg zu legen. Der hielt die Worte nur für eine Fieberphantasie. Als Liszt einmal später am Abend ging, ließ der Vater ihn zu sich kommen und erklärte ihm, dass es wohl besser sei, das Unterrichts-verhältnis zu beenden.

Caroline und Franz behielten ihre Jugendliebe das ganze Leben im Herzen, welche wohl die wahre geworden wäre. Caroline wollte nach dem Ende der Beziehung ins Kloster ziehen, was der Vater jedoch verbot. Sie wurde bald mit einem gewissen Monsieur d'Artigaux verheiratet, mit dem sie aber nicht so glücklich war. Liszt brach physisch zusammen und trat zwei Jahre nicht an die Öffentlichkeit. Es verbreitete sich sogar das Gerücht, er sei gestorben. In der Zeitung "Etoile" konnte man in den Todesanzeigen lesen: "Franz Liszt, geboren 1811 in Raiding, gestorben 1828 in Paris".

In den nächsten Jahren bildeten sich die Freundschaften mit Chopin, Berlioz und Paganini, für deren Musik er sich sehr interessierte. Mit 22 Jahren lernte er die Gräfin Marie d'Agoult kennen, die 1805 geboren war. Nachdem sie ihn einmal eingeladen hatte, besuchte er die um 6 Jahre ältere bald öfter. Als ihre Liebe größer wurde, zog die Gräfin sich auf ihr Schloss zurück und Liszt - angeblich verreist - flüchtete sich in ein Studio, das er sich in der Klavierfabrik Erard eingerichtet hatte. Unter falschen Namen schickten sie sich viele Briefe. Natürlich trafen sie sich auch weiterhin, Ende 1834 aber seltener, denn die Gräfin, die, bevor sie mit Liszt zusammen war, schon verheiratet war und Kinder hatte, weilte am Krankenbett ihrer ältesten Tochter Louise, die mit sechs Jahren im Dezember 1834 starb.

Die beiden hatten sich nun ersteinmal gemeinsam nach Genf zurückgezogen und planten eine Reise nach Italien. Auch einige seiner Schüler folgten ihm hierher, die er zweimal in der Woche versammelte. Er musste damals große Ersparnisse haben, denn erst etwa zwei Jahre später begann er wieder Konzerte zu geben. Eines gab er zusammen mit seinen Schülern zu einem guten Zweck. Der Saal war ausverkauft und der Erlös kam Armen und Flüchtlingen zugute.

Am 18.12.1835 gebar Marie d'Agoult das erste Kind von Liszt. Die Tochter nannten sie Blandine. In dieser Zeit war Sigmund Thalberg sehr berühmt und hatte große Erfolge. Am 31.3.1837 trat Liszt mit ihm gemeinsam auf, um herauszufinden, wer von ihnen besser sei. Nachdem beide ihre Stücke gespielt hatten, war der Wettbewerb zu Ende und Liszt wurde allgemein für weit überlegen gehalten.

Liszt war auch mit der Schriftstellerin George Sand befreundet, die sich zunächst mit Marie d'Agoult ganz gut verstand. Nach und nach gab es aber einige Reibereien, denn die Frauen waren ziemlich verschieden: Sand war hauptsächlich eine Kämpferin für die Verselbständigung der Frau und d'Agoult eher eine vornehme Dame.

Als sie nun in Italien lebten, wurde ihnen an Weihnachten 1837 die zweite Tochter geschenkt. Sie wurde Cosima genannt. In einem traurigen Augenblick, am 9.5.1839, kam das dritte Kind, Daniel, zur Welt. Liszt und die Gräfin waren nun vier Jahre zusammen. Sie waren voneinander enttäuscht. Sie hatte gemerkt, dass die Musik nicht ganz ihr Interessensgebiet war und er fand ihr Temperament schwierig. Liszt entschloss sich zu reisen, wofür er die Gräfin mit den Kindern für einige Zeit verlassen musste. Er ging zuerst nach Wien, sie zog mit ihren Kinder zu Liszts Mutter nach Paris. Einige Male lebten sie nach längeren Pausen noch zusammen, ehe sie sich fünf Jahre später endgültig trennten.

Übrigens war Liszt nicht durch eigens komponierte Werke berühmt geworden, sondern viel mehr durch Transkription von anderen Werken. Er veränderte sie auf seine Art und das Publikum war vollkommen begeistert.

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Die Virtuosenjahre (1839-1847)

Nachdem Liszt und Madame d'Agoult  voerst auseinander gegangen waren, begannen für ihn sieben Jahre, in  denen er in alle Winkel Europas kam. Sie brachten ihm viel Ruhm und Geld.  Gleich am Anfang war er in Wien und wurde nach großer Überanstrengung  krank. Bald darauf reiste er nach Budapest, Prag und Leipzig.

Während des Aufenthalts in Wien stattete er auch seinem Heimatort Raiding einen Besuch ab, wobei er sein Haus wieder sah, das jetzt das Heim eines Wildhüters war. Er wurde unter dem Zulauf des Volkes dorthin geleitet und auch die Zigeuner waren da, die zu seinen Kindheitserinnerungen gehört hatten. Weil er seitdem nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt hatte, fand er es besonders toll, sie hier aufzusuchen. Er berichtet wörtlich: "Ihre Feuer hatten sie unter einer Reihe von Eschen entzündet. Sie saßen, die Geigen in den Händen, um die Flamme, auf ihren Mänteln aus Lammfellen, die ihre einzige Ausstattung bildeten. Die Weiber tanzten und schlugen dabei, während sie feurige, lockende Schreie ausstießen, ihre Tamburins. In den Pausen hörte man das schrille Kreischen der schlecht geschmierten Achsen der Wagen, die fortgeschoben wurden, um mehr Raum für die Tänzer zu schaffen.

Man aß Fleisch und wilden Honig. Die Kinder machten wilde Sprünge und Purzelbäume, stießen laute Schreie aus und rauften um einen Sack Erbsen oder schlugen auf Steinen Nüsse auf. Die alten Zigeunerinnen, mit ihren Triefaugen, wärmten sich am Feuer und lauschten der Musik. Die Männer glichen einander, als wären sie alle die Söhne einer einzigen Mutter. In einigen Gesichtern erschien ein spöttischer Ausdruck. Ihr braungelbes Antlitz war von blauschwarzen Locken umrahmt, die wie Schlangen auf ihren Hals herabhingen, der hellorange gefärbt war. Ihre Augen sprühten Funken und verdunkelten sich dann wieder, je nach ihrem Gemütszustand.

Dann sprangen sie auf, um nach einigen Pferden zu sehen, die sie an jenem Tage eingehandelt hatten. Dies machte ihnen Freude, sie lächelten breit und zeigten dabei ihre schneeweißen Zähne. Dann ahmten sie mit ihren immer sehr langen und mit Elektrizität geladenen Fingern Kastagnetten nach. Noch etwas unsicher begannen sie, ihre Mützen in die Luft zu werfen und einherzustolzieren wie Pfauen. Dann sahen sie wieder nach ihren Pferden, und als ob sie plötzlich die Kraft bekommen hätten, ihre Freude über den Handel auszudrücken, ergriffen sie ihre Geigen und Zymbeln und begannen mit rasender Wildheit zu spielen. Die Friska, der schnelle Zigeunertanz, steigerte sich zu einem wilden Taumel, bis den Tänzern der Atem ausging und sie zu Boden fielen."

In Prag und Budapest hatte er großen Erfolg. Jedoch nicht so in Leipzig: Bei den Leuten dort war Bach die feste Grundlage der musikalischen Bildung und Liszt war ihnen als Scharlatan verdächtig. Sein erstes Konzert dort hatte keinen Erfolg. Als Entschädigung gewann er die Freundschaften mit Mendelssohn und Schumann, die ihn während einer Krankheit besuchten. Der erstere veranstaltete einen großen musikalischen Empfang, zu dem 250 Berufsmusiker eingeladen wurden. Zum Schluss dieser Veranstaltung spielten Liszt, Ferdinand Hiller und Mendelssohn Bachs Konzert für drei Klaviere. Damit erreichte Liszt auch in Leipzig großen Erfolg. Es war nun März 1840 und die Konzertsaison war vorbei. Ende des Monats traf er bei Madame d'Agoult in Paris ein.

Auf seinen weiteren Reisen gelangte Liszt in fast alle europäischen Länder. Das einzige Land, in dem wir ihn nicht finden, ist England. Leicht hätte er sich auch auf Reisen durch Deutschland, Österreich und Frankreich beschränken können, doch ein Drang trieb ihn vom einen Ende des Mittelmeers zum andern. Bei einer Deutschland-Tournee wurde Anfang 1845 das Beethoven-Denkmal in Bonn enthüllt. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Kantate aufgeführt, die Liszt eigens dafür komponiert hatte. Der Umstand, dass er von Lola Montez begleitet wurde, bedeutete das endgültige Ende seiner Beziehungen zu Madame d'Agoult.

Eine eher nachteiliger Charakterzug von Liszt war seine Arroganz: Er lehnte es ab, vor dem französischen Bürgerkönig Louis-Philippe zu spielen und beleidigte ihn sogar vorsätzlich, um nur ein Beispiel zu nennen.

Seine Ziele in diesen Jahren sahen so aus: Er wollte zuerst den Ruhm erobern und sich dadurch von den Fesseln lösen, die ihn banden. Dann wollte er das Virtuosentum aufgeben und Komponist werden. In den ersten zwei bis drei Jahren versuchte er beides zu vereinen. Bald merkte er jedoch, dass dafür nicht die Zeit reichte. So konzentrierte er sich vor allem auf das Konzertieren.

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Liszt in Weimar und Rom (1847-1869)

Das erste Mal in Weimar war Liszt 1841. Da hatte er für die Großherzogin   Marie-Paulowna, die Schwester des Zaren Nikolaus I. konzertiert. Ein Jahr später war er bei der Hochzeit ihres Sohnes zugegen. Die Großherzogin hatte ihn gebeten, er möge einen Teil jeden Jahres in Weimar verbringen und er war begeistert darauf eingegangen. Er unterzeichnete einen Vertrag, der ihn alljährlich für drei Monate als Dirigent und Leiter des Musiklebens an den großherzoglichen Hof verpflichtete und trat den Dienst 1844 an.

Etwa 1847 machte er eine neue Bekanntschaft: er lernte die Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein kennen. Sie war 28 Jahre alt, acht Jahre jünger als Liszt. Als Siebzehnjährige war sie mit dem Fürsten Nikolaus von Sayn-Wittgenstein vermählt worden; sie hatten eine Tochter, die Prinzessin Marie, passten dem Temperament nach aber so schlecht zusammen, dass sie sich nach vier Jahren wieder trennten. Die Fürstin lebte von da an auf ihren Gütern. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jede bedeutende Persönlichkeit, die in ihren Lebensbereich trat, kennenzulernen. Ihr Interesse an Liszt steigerte sich, als sie hörte, er wolle sich vom Konzertpodium zurückziehen. Bald erhielt Liszt eine Einladung von ihr.

Als er sie nach einigen Wochen wieder verließ, standen ihre Pläne für die Zukunft fest. Er wollte nur noch seine Konzertverpflichtungen erfüllen. Das letzte Konzert fand im Oktober 1847 in Elisabethgrad (heute Stalingrad) statt. Er begann nun mit seinen Kompositionsplänen. Die Pläne der Fürstin waren: sie wollte sich von ihrem Gatten scheiden lassen, um Liszt heiraten und mit ihm in Weimar leben zu können. Liszt sollte zuerst reisen und die Fürstin würde folgen, sobald sie den Erlös aus dem Verkauf einiger Güter empfangen hatte.

In dieser Zeit war es allerdings für die Untertanen schwierig, Russland ohne die Erlaubnis der Regierung zu verlassen. Bei der Fürstin waren die Heiratsabsichten bekannt geworden und ihr Gatte diente dem Zaren als Adjutant. Es war also nicht wahrscheinlich, dass sie die Erlaubnis bekäme. Also schützte sie Gesundheitsrücksichten vor und erhielt die Bewilligung, nach Karlsbad zur Kur zu fahren. Gerade jetzt im Jahr 1848 erreichten die Unruhen ihren Höhepunkt und es sah so aus, als würde eine Weltrevolution ausbrechen. Sie konnte gerade noch ausreisen, bevor der Kurier des Zaren an der Grenze ankam, die dann für jedermann geschlossen wurde.

Liszt und die Fürstin reisten durch das Land und schrieben sich Briefe. In Weimar kam sie nach ihm im Februar 1849 an. Zuerst lebte Liszt im Hotel und sie in der Altenburg, um nicht alle Leute ihre Liebe wissen zu lassen. Aber schon nach wenigen Monaten zog er zu ihr in die Burg. Die nächsten zwölf Jahre verbrachten sie hier.

In dieser Zeit überfielen ihn Schicksalsschläge: Nacheinander verlor er seine Kinder. Seine beiden Töchter sah er nach ihrer Hochzeit nicht mehr oft. Außerdem starb sein 19-jähriger Sohn Daniel auf tragische Weise. Ferner heiratete Marie, die Tochter von der Fürstin und auch sie, der er sehr zugetan war, sah er nicht mehr häufig. So fühlte er sich verlassen und schloss sich noch mehr der Fürstin an. Sie hofften noch immer auf ihre Heirat, aber noch war sie nicht geschieden, denn noch wurde der Fall von russischen geistlichen Gerichten behandelt. Im Frühjahr 1860 kam dann endlich die Nachricht, die Behörden hätten die Scheidung für rechtsgültig erklärt. Nun war zur Heirat noch die Zustimmung der katholischen Kirche notwendig. Carolyne, die Fürstin, begab sich persönlich nach Rom, da der lokale Kirchenfürst Einwendungen hatte.

Für Liszt nahte inzwischen der 50. Geburtstag heran und es erschreckte ihn, wie alt er schon war. Deshalb hatte er schon ein Jahr früher ein Testament geschrieben, in dem er über Carolyne schrieb: "Alles, was ich in den letzten zwölf Jahren getan und gedacht habe, verdanke ich ihr, von der ich so glühend wünsche, sie bei dem teuren Namen meiner Gattin nennen zu dürfen - obwohl dies durch menschliche Bosheit und beklagenswerte Intrigen bis jetzt hartnäckig verhindert wurde - ihr, Johanna Elisabeth Carolyne Fürstin Wittgenstein, geborene Fürstin Iwanowska... Ich kann ihren Namen nicht niederschreiben, ohne dass meine Seele erbebt. Alle meine Freuden gehören ihr, und alle meine Leiden übergebe ich ihr, damit sie Beruhigung finden."

Die Hochzeit sollte nun endlich an seinem 50. Geburtstag, dem 22.10.1861, in Rom stattfinden, und zwar um sechs Uhr morgens. Doch am späten Abend des Vortages kam ein Diener, der verkündete, die Familie des Gatten der Fürstin verlange eine neue Untersuchung des Falles. Sie sei nicht zur Ehe mit Nikolaus gezwungen worden. Vor dem Gesetz sei sie noch immer seine Gattin. So fiel die Hochzeit aus und wurde niemals nachgeholt.

Erwähnenswert ist noch, dass Liszt am 25.4.1865 die Priesterweihe empfing. Allerdings erhielt er nur vier von sieben Graden der Priesterschaft. Er durfte also keine Messe lesen oder Beichte hören. Aber er durfte das Priestertum aufgeben, wann es ihm beliebte, und sogar heiraten.

Nachdem er einige Monate im Vatikan gelebt hatte, beschaffte ihm sein Freund Monsignore Hohenlohe eine neue Unterkunft. Er bekam die im Besitz der Habsburger stehende Villa d'Este zur Verfügung. Hier verbrachte er einen großen Teil seiner letzten 20 Lebensjahre.

Viel Zeit verbrachte Liszt mit religiösen Pflichten: Jeden Morgen las er zwei bis drei Stunden im Brevier. Er klagte aber, dass dies so langsam ging, denn oft musste er einen Psalmvers viele Male lesen, ehe er ihn begriff.

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Die letzten 17 Jahre (1869-1886)

Die Fürstin und Liszt lebten inzwischen immer mehr aneinander vorbei und jeder beschäftigte sich nur noch mit sich selbst. Da er vom Großherzog Karl Alexander eine Aufforderung zur Rückkehr nach Weimar erhalten hatte und sie Rom nicht verlassen wollte fiel es ihnen nicht all zu schwer, für einige Zeit auseinander zu gehen. Am 13.Januar 1869 kam er in Weimar an.

Er verbrachte jetzt also einen Teil des Jahres in Weimar und einen in Rom. Den dritten Teil war er in Budapest, wo 1875 eine Musikakademie gegründet wurde. Im Jahr 1876 starb seine frühere Geliebte Madame d'Agoult. Liszt erfuhr es aus der Zeitung, aber es berührte ihn nicht sehr. Vielleicht, weil er sich nicht mehr ganz wie der Mensch fühlte, der sie geliebt hatte.

Von 1880 bis zum Lebensende verbrachte er den Winter in der Villa d'Este. Sein Tag begann um vier Uhr morgens. Um diese Zeit ging er zur Frühmesse. Am Tag war er vor allem auf der Terasse der Villa und nahm dort seine Mahlzeiten ein. Am Abend spielte er dann Klavier und die Gänge waren erfüllt von Klängen. Oft schrieb er aber auch Briefe, bevor er zu Bett ging.

In den letzten sechs Jahren war er noch viel unterwegs: er gab viermal wöchentlich einem Dutzend Schüler Unterricht. Außerdem war er in Wien, Berlin, Stuttgart, Karlsruhe und Straßburg zu finden, überall, wo ein Konzertprogramm ein Werk von ihm enthielt oder wo er durch seine Anwesenheit einem seiner Schüler oder einem wohltätigen Zweck nützen konnte. Seine Werke wurden oft vernachlässigt, weshalb er keine Gelegenheit auslassen konnte, einer Aufführung beizuwohnen.

In seinem letzten Lebensjahr, 1886, in dem er 75 Jahre alt werden würde, hatte er noch ein großes Reiseprogramm, denn er hatte einigen großen Persönlichkeiten anlässlich seines 75. Lebensjahres versprochen, bei ihren Aufführungen anwesend zu sein. Deswegen war er noch einmal in Budapest, London, Paris, Antwerpen und Bayreuth.

Mit seiner Gesundheit ging es inzwischen immer mehr bergab. Am 25. Juli ging er trotz starken Fiebers zur Aufführung "Tristan und Isolde". Kurz vor Schluss des zweiten Aktes musste er das Theater mit starkem Husten verlassen. Am nächsten Tag fühlte Liszt sich viel schlechter. Der Arzt stellte Lungenentzündung fest. Er verordnete Hustentropfen sowie Morphium, dazu striktes Alkoholverbot, was in dieser Situation wegen der dann drohenden Entzugserscheinungen besonders unpassend war.

Am Dienstag, dem 27. Juli, ging es ihm nicht besser. Kurze Zeit stand er auf, doch er fühlte sich zu matt und legte sich bald wieder hin. Besonders schlimm waren ihm die Nächte, denn die seien furchtbar lang, er sei allein und könne nicht schlafen.

Am Freitag, dem 30. Juli, erkannte er oft nicht einmal mehr Bekannte. Er wirkte sehr abgemagert, der Atem ging röchelnd, Schüttelfrost trat wieder auf. Um Mitternacht kam der Arzt wieder, doch weil Liszt schlief und er keine Verschlechterung des Zustandes beim Kranken befürchtete, ging er wieder. Um zwei Uhr nachts sprang Liszt jedoch wie ein Rasender aus dem Bett, tobte und schrie "Luft, Luft!", so dass man ihn in der ganzen Umgebung hörte. Offenbar war es noch zu einem Infarkt gekommen, denn er fasste sich immer wieder ans Herz. Der Arzt kam nach einer dreiviertel Stunde und meinte, Liszt sei schon tot, denn sein Körper war kalt. Erst nach längeren Einreibungen kam wieder etwas Leben in ihn, das Bewusstsein erlangte er nicht mehr.

Am nächsten Tag, dem 31. Juli, erlaubte der Arzt, Liszt Champagner und schwere Weine zu geben. Sein Atem wurde jedoch immer schwächer und am späten Abend hatte das Leiden ein Ende: er starb.

Er wurde auf dem städtischen Friedhof von Bayreuth beerdigt. Sterben war für Liszt nie etwas, wovor man sich fürchten müsste, denn es sei der einzige Weg, von seinen Sünden erlöst zu werden. Den einzigen Wunsch, den er noch gehabt hätte, wäre den 22. Oktober, seinen 75. Geburtstag, noch erleben zu können, denn er hatte es immer geliebt, Geburtstage zu feiern.
 
 



 
 

Literatur:

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