Johannes Brahms äußerte bei einem seiner zahlreichen Besuche in der Residenzstadt Meiningen gegenüber Herzog Georg II. scherzhaft: "Ach Hoheit, ich habe vor dem Frühstück noch schnell einen kleinen Spaziergang durch die benachbarten Fürstentümer gemacht" (1) und umriß damit launig die im Grunde intakten äußeren Bedingungen eines Brennpunkts mitteleuropäischer Kultur im ausgehenden 19. Jahrhundert. 

Im Besucher des Jahres 2002 kann die Stadt Meiningen durchaus uneinheitliche Eindrücke hinterlassen. Neben dem marktgerecht propagierten Image als Theaterstadt, neben aufwendig restaurierten Gebäuden - vor allem in der Bernhard- und Georg-Straße - sind auch 13 Jahre nach der Wende noch immer Probleme des Aufbaus und Unsicherheiten im Umgang mit Altlasten gegenwärtig, Investoren zur Wiederinstandsetzung einstmals großzügiger Anwesen werden allerorts gesucht. Sie können beispielsweise das ehemalige Wohnhaus Hans von Bülows in der Charlottenstraße - einen großen repräsentativen Bau in gutem Zustand - kaufen. Die Arbeitslosenquote in der gesamten Region ist enorm.

Nicht unbedingt günstige Voraussetzungen für die Kultur: wie viele andere vergleichbare Institutionen muß sich das Südthüringische Staatstheater Meiningen derzeit in einer Kulturlandschaft neu positionieren, die auf Grund allgemein begrenzter Finanzen von Zusammenlegungen, Kürzungen, Schließungen geprägt ist. Erst kürzlich berichtete die Presse von einer bis 2005 angestrebten Theaterehe, in der Meiningen Oper und Schauspiel behalten, Eisenach im Gegenzug Operette, Musical, Ballett, Puppen- und Jugendtheater bedienen soll. (2)

Legitimation für bestehende Einrichtungen und der Wunsch nach Beachtung im verwöhnten Westen mögen mit hinter dem spektakulären Kraftakt des vergangenen Jahres gestanden haben, mit dem "der Ring des Nibelungen" zu Ostern an vier aufeinander folgenden Tagen, sowie zu zwei weiteren Terminen auf die Bühne gewuchtet wurde. Unter dem Motto "Wagnis Wagner" führte Intendantin Christine Mielitz als treibende Kraft vor Ort Regie, die musikalische Leitung lag bei dem jungen Kirill Petrenko, für's Bühnenbild gewann man den Wiener Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka. Zwei Orchester wechselten sich beim 16-stündigen Opernmarathon ab, das Meininger Theaterorchester und die Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl, alle Beteiligten arbeiteten "bis an die Grenze der  Legalität" (Zitat Mielitz) und - immerhin - die Zeitschrift Opernwelt verlieh die Auszeichnung "Opernhaus des Jahres" und bemerkte anerkennend "ein Aufleuchten des oft heruntergenörgelten Stadttheatersystems in den Südthüringer Wäldern". (3) Ob diese Aktion tatsächlich an die große Meininger Theater- und Orchestertradition des 19. Jahrhunderts anknüpfen und etwa den Geist der "Meininger Prinzipien" wiederbeleben konnte, oder sich eher zeitgeistigen Forderungen nach mehr Leistung, Effizienz und Wirtschaftlichkeit im Kulturbetrieb andiente, wird die weitere Entwicklung erweisen müssen.



1) zitiert nach Max Kalbeck
2) Nürnberger Nachrichten vom 09.07.2002
3) Opernwelt 6/2001, S.30